Survival in Thüringen

ein Erlebnisbericht aus "Trekkers World" (3/2003)

Ein lautes Knacken. Zweige brechen unter meinen Füßen. Der Schatten vor mir zuckt nervös zusammen. Wildschweinpirsch ist eben doch nicht so einfach. Noch schlafen die Tiere – hoffentlich. Walter Kemkes kennt ihre Lieblingsplätze. „Unter den Fichten am Hang graben sie sich Kuhlen zum Schlafen.“ Schon wieder trete ich auf einen krachenden Ast. Als Antwort plötzlich ein lautes Grunzen im Dickicht. Zwei dicke Wildsäue ergreifen die Flucht und preschen panisch an uns vorbei. „Das wär’s“, seufzt der Wildschweinexperte, „wir waren zu laut.“ Eine freundliche Umschreibung meines Getrampels.

Walter Kemkes ist ein wandelndes Botanik-Lehrbuch. Eigentlich ist er als Leiter des Nationalparks Hainich zur Schreibtischarbeit verurteilt. Aber ab und zu bricht er zu einer Survival-Exkursion mit Besuchern des Parks auf. Mit Survival sind neben den Menschen vor allem die Tiere und Pflanzen gemeint. – „Wer braucht was zum Überleben?“

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Nach dem Fehlschlag mit den Wildschweinen packt der Führer unser Frühstück aus. Auf den ersten Blick kein Gaumenschmaus: Salat aus Bärlauch und Löwenzahn, entkernte Hagebutten, junge Schösslinge von Wildgräsern. Zu Trinken gibt’s frischen Kräutertee. „Alles im Hainich geerntet.“ preist Kemkes die Mahlzeit. „Im Notfall könnten wir auch Eicheln und Bucheckern kochen, oder uns einen Saltat aus Buchenblättern zubereiten.“ Jeder Quadratmeter des Hainich bietet Nahrung und Hilfsmittel zum Überleben im Urwald.

Auf einer Lichtung demonstriert der Parkchef den natürlichen Kreislauf im Hainich. Eine alte Buche ist umgestürzt, auf ihrem Stamm wuchern schon schwammartige Pilze. Junge Eschen recken ihre Triebe zur entstandenen Lücke im Blätterdach. Bald jedoch werden die hoch gewachsenen Buchen das Loch mit ihren Ästen wieder schließen. Das ist die Chance für ihren Nachwuchs – junge Buchen, die ohne viel Licht auskommen, werden die lichtbedürftigen Eschen überholen. „Außer Buchen hat hier kaum ein Baum eine Chance.“

Aber die Buchen lassen anderen Lebewesen dennoch Raum. Allein über tausend Pilzarten wurden gezählt. Es gibt sie in vielfältigen Varianten: dicke und dünne, winzige nackte und kräftige mit Hut, rote, braune, gelbe und schwarze. Die einen stehen elegant im Laub, andere überziehen wie Warzen und Geschwüre die abgestorbenen Bäume. Sie haben exotische Namen wie Geweihförmige Holzkeule, Rotrandiger Fichtenporling oder Großer Knoblauchschwindling.

Während unserer Wanderung verändert der Wald permanent sein Erscheinungsbild. Von gerade zugewachsenen Wiesen gelangen wir in alten Wirtschaftswald und danach in das unberührte Kerngebiet. Umgestürzte, bemooste Baumriesen liegen breit im Weg. Gewaltige Zunderschwämme bedecken das tote Holz und zersetzen es zu neuer Biomasse. Ab und zu ragt gespenstisch der nackte, weiße Stamm einer toten Ulme vor uns auf – europaweit fiel diese Baumart einem Pilz zum Opfer.

Auf einer Lichtung treffen wir Drethardt Böttger, einen von vier Parkwächtern. Der stämmige Ranger mit wildem Vollbart diskutiert gerade mit zwei Wanderern. „Ihr spinnt ja, eine Brücke über einen Baum zu bauen.“ schimpft einer von ihnen. Geduldig erklärt Böttger das Prinzip des Nationalparks: Eingriffe in den natürlichen Kreislauf sind nicht erlaubt. Fällt ein Baum auf den Weg, wird eher eine Brücke darüber gebaut, als der Stamm zerschnitten.

Mit der Ernennung von Drethardt Böttger zum Parkranger hat man eigentlich einen Bock zum Gärtner gemacht. Oder – wie er es nennt – „aus einem Regisseur wurde ein Zuschauer.“ 35 Jahre lang hat der Thüringer Bäume gefällt – heute schützt er sie. Eine Aufgabe, die ihm weitaus besser gefällt. Und der 53-jährige hat noch einiges vor. „Wenn ich in Rente gehe, will ich nicht nur ein paar Wege angelegt haben.“

Besonders viel liegt ihm an der Umwelterziehung der Kinder. Mit einer Schulklasse hat er eine große Wiese abgesteckt, die nach Ablauf des alten Pachtvertrages an den Nationalpark fiel. In den nächsten Jahren dürfen die Kinder beobachten, wie der Wald sich allmählich das Land zurückerobert. „Über die Kinder kriegen wir die Eltern und Großeltern“, erklärt Böttger, „vielen Älteren gefällt nämlich nicht, dass die einst sorgsam gehegten Wiesen und Felder im Nationalpark jetzt einfach zuwachsen und verwildern.“

Seit zwei Jahren ist er auch für die Vogelkartierung und Spechtforschung im Hainich zuständig, eingewiesen durch einen erfahrenen Spechtforscher. Sechs verschiedene Schwarzspecht-Paare hat er schon gezählt. Auf der Suche nach ihren Höhlen spannt er auch die beiden Wanderer für sich ein: „Habt ihr einen Schwarzspecht gesehen?“ Und er lässt sich genau den Standort erklären.

Doch so einfach kommt Böttger den beiden Waldläufern nicht davon – sie wollen noch ein paar Anekdoten aus DDR-Zeiten erzählen. Damals war ein Aufenthalt am Rande des Hainich nicht gerade ungefährlich. In einem Dorf schlug einmal eine russische Granate direkt neben einem Baum ein – zum Glück nur ein Blindgänger. Auch von Querschlägern von den Schießplätzen wissen die beiden zu berichten.

Bei dem Parkranger sind sie mit ihren Geschichten genau an der richtigen Adresse. In breitem Thüringer Dialekt plaudert er von seinen Zeiten als Holzfäller, von den wilden Raufereien auf den festen der Kollegen und dem Gruseln im Wald während seiner Lehrjahre. „Im Winter musste ich im Dunkeln alleine los, um das Lagerfeuer für die Waldarbeiter anzuzünden. Bei jedem Geräusch hatte ich eine Heidenangst.“

Ein leichter Schauer ist auch am Ende der Survival-Tour von Walter Kemkes durchaus beabsichtigt. „Wenn die Nachtbewohner sich bemerkbar machen, kann einem schon etwas mulmig werden.“ Das Licht ist inzwischen diffus geworden, die Vögel sind verstummt. Kemkes demonstriert den Bau einer Laubhütte zum Übernachten, er schichtet dicke Äste gegen eine Buche und polstert den Boden mit trockenem Laub.

Danach geht es im Dunkeln zurück in die Zivilisation – Taschenlampen sind verboten. Ab und zu knackt es im Wald, ein Waldkauz schlägt an. Als Wegzehrung gibt es eine dicke Scheibe Wildschweinschinken, und so bekomme ich doch noch etwas mehr ab von den zottigen Waldbewohnern.